Songschreiben – Teil 1 

von Tom Hess


Die meisten Leute gehen das Songschreiben auf die gleiche Art und Weise an. Bei denen, die Musik und nicht nur Texte schreiben, sieht das so aus, dass sie zu ihrem Instrument greifen und improvisieren, bis sie auf etwas stoßen, das gut klingt. Sie konzentrieren sich nur auf das „Ziel eines fertig gestellten Songs“, anstatt sich der großen Bandbreite der verfügbaren „Verfahren“, Musik zu komponieren, zuzuwenden. Mit anderen Worten, diese Leute konzentrieren sich auf das „Was“ (den Song, den sie schreiben wollen) anstelle des „Wie“ (welche Methoden und Verfahren Verwendung finden können). Ist einmal die Entscheidung gefallen, einen neuen Song zu schreiben, beginnen sie mit dem für sie  einfachsten und selbstverständlichsten Verfahren – sie improvisieren auf ihrem Instrument.  

Nehmen wir zum Zweck der Veranschaulichung des obigen Beispiels an, dass dein Hauptinstrument E-Gitarre ist. Es gibt bei jeder Songschreibmethode natürliche Pros und Contras. Hier die offenkundigsten Pros und Contras für die Methode des Improvisierens mit deinem Instrument: 

DIE VORTEILE DIESER METHODE: 

  • Sie ist für die meisten Songschreiber die einfachste Methode.
  • Man kann sofort anfangen (ohne vorherigen Kompositionsplan bzw. Vorüberlegungen)
  • Man kann Vorteile aus den gegebenen natürlichen Möglichkeiten der Gitarre in Bezug auf Ton, Spielbarkeit, Tonumfang, der Zahl der Töne, die gleichzeitig gespielt werden können, den Umfang der Dynamik, die Artikulationsmöglichkeiten usw. ziehen.
  • Wenn du ein kompetenter Gitarrist bist, kannst du leicht Musik schaffen, die für die Gitarre natürlich ist. Du hast wahrscheinlich wenigstens einen elementaren Überblick über Gitarren im Allgemeinen, also dürfte es in den meisten Fällen kein großes Problem sein, deine gitarristischen Ideen zu spielen.
  • Weil die meisten Songschreiber so arbeiten (sogar viele Profis), könnten deine musikalischen Ergebnisse einigen deiner Vorgänger gleichen, die bereits erfolgreiche Hits geschrieben haben.

DIE NACHTEILE DIESER METHODE: 

  • Man ist eingeschränkt durch die Grenzen des Instruments in Bezug auf Ton, Spielbarkeit, Tonumfang, die Zahl der Töne, die gleichzeitig gespielt werden können, den Umfang der Dynamik, die Artikulationsmöglichkeiten usw.
  • Es ist wahrscheinlich, dass du ähnliche Ideen wiederholst, die du zuvor in anderen Songschreib-Sessions verwendet hast.
  • Man tappt leicht in die Falle, ausschließlich wie ein Gitarrist anstelle eines songschreibenden Musikers zu denken
  • Du könntest entdecken, dass deine Hände das meiste tun, nicht dein kreativer Kopf. 
  • Die Bandbreite an musikalischen Ergebnissen ist begrenzt, wenn du nur auf diese Art und Weise arbeitest. Nicht unbedingt, weil irgendetwas mit der Gitarre oder dir nicht stimmt. 

Jeder einzelne Songschreibvorgang wird begrenzt sein. Du musst wirklich hart daran arbeiten, aus einem einzigen Vorgang so viel wie möglich herauszuholen. Natürlich ist es besser, viele Verfahren anstatt nur einem zu haben (ich werde andere Methoden, Songs zu schreiben, in zukünftigen Artikeln besprechen).  

Nimm dein Instrument und beginne zu improvisieren. Achte darauf, was du normalerweise machst. Mit welchem Verfahren beginnst du in der Regel? Versuchst du zuerst eine Melodie zu schreiben? Oder fängst du mit den Akkorden an? Hier ein Liste von Vorschlägen, wie du beginnen kannst.  

Beginne mit der Melodie 

  • Entscheide dich in diesem Fall, ob die Melodie, die du versuchst, zu schreiben, Gesangs- oder Instrumental-Melodie sein soll. Das ist sehr wichtig, da Gesangs-Melodien Raum für den Sänger zum Atmen haben müssen und du außerdem den Tonumfang bedenken musst – der Tonumfang eines Sängers ist enger als der der meisten Instrumente. Denke an all das, wenn du Melodien schreibst.
  • Bedenke den Verlauf (Form und Richtung) deiner Melodien.
  • Gibt es einen klaren Klimax (Höhepunkt)? An welcher Stelle der Melodie sollte er sein? 

Beginne mit den Akkorden 

  • Wähle ein tonales Zentrum (eine Tonart) aus, mit dem du beginnst. Du musst nicht den ganzen Song lang in dieser Tonart bleiben, es ist jedoch klug, wenigstens mit einer einzelnen Tonart zu beginnen. Wenn du willst, kannst du später von dieser abweichen.
  • Denke über die Folge der Akkorde nach, wo sind da Momente der Spannung und Bestimmtheit? Sind diese Momente gut platziert?

Beginne mit den Akkorden und der Melodie gleichzeitig 

Ich mag diese Vorgehensweise sehr. Beginne mit einem einzelnen Akkord und einer Melodie-Note oder Phrase und schreibe sie zusammen, wenn du dann den nächsten Akkord und mehr Melodie-Noten hinzufügst. Experimentiere durch Veränderung des Akkords, aber nicht der Melodie-Phrase. Experimentiere durch Veränderung der Melodie-Phrase, aber nicht des Akkords. 

Beginne zunächst mit dem Rhythmus

  • Bedenke die Art der Rhythmen, die du normalerweise verwendest. Vielleicht ist einer davon genau der, den du brauchst, um in den Groove eines neuen Songs hineinzukommen.
  • Experimentiere mit Variationen deines Lieblings-Rhythmusmusters. Verwende ein weitverbreitetes Schema und spiele es rückwärts.
  • Kreiere etwas ganz Neues. Zwinge dich dazu, keines deiner Lieblings-Rhythmus-Muster in deine neue Song-Idee einschleichen zu lassen.  

Dynamik, Struktur und Form sind die unter Songschreibern am meisten übersehenen musikalischen Elemente. Plattenfirmen haben extra zur Qualitätsprüfung der Arbeit der Songschreiber angestellte Produzenten. Die meisten Produzenten verwenden viel Zeit (und die Vorschüsse der Künstler!) darauf, die Songs auf diesen drei Gebieten zu formen, weil die Songschreiber es oft versäumen, Zeit und Mühe in sie zu stecken. Die meisten Leute können eine Melodie schreiben und Akkorde zusammenfügen, kämpfen aber mit Dynamik, Struktur und Form.  

Beginne mit der Dynamik 

  • Wenn du an die Dynamik denkst, während du die einzelnen Teil des Songs komponierst, bist du der Sache bereits einen Schritt voraus.
  • Plane genau, wie der dynamische Umfang jedes Teils deines neuen Songs sein soll. Welche Teile sollen lauter und welche sanft sein? Wie kannst du zwischen ihnen weiche Übergänge schaffen? Willst du weiche Übergänge?

Beginne mit der Klangfarbe 

Die Vielzahl der Instrumente, die du verwendest sowie die Klänge, die du aus ihnen herausholst, bringen Farbe in deine Musik. Wenn du einmal eine Melodie geschrieben hast, experimentiere damit, wie viele Arten von Tonqualitäten du verwenden kannst, um sie zu spielen. Auch wenn du nur einen Song für ein Soloinstrument schreibst, sieh zu, wie du mit diesem Instrument Farbe in den Sound bringen kannst. Nehmen wir z.B. eine Gitarre, die Bridge runterzuspielen bringt eine ganz andere Klangqualität, als in der Mitte der Saite (12. Bund) zu spielen.

Beginne mit der Struktur  

Die Dichte von Klang und Klangfarbe kann die Art der Melodien, die du komponierst, beeinflussen. Bedenke, wie sich die Dichte der Struktur von Abschnitt zu Abschnitt verändern könnte. Welcher musikalische Effekt könnte damit entstehen? Eine einzelne Gitarrenlinie könnte dich zum Schreiben von Gitarrenstimmen bringen, aber wenn du eine Gitarre benutzt, um Keyboard-Teile zu schreiben, wird dein Ansatz oft ganz anders sein (und sollte es vielleicht auch). 

Beginne mit der Form 

Hier anzufangen, kann Wunder bewirken, dich aus Ärger herauszuhalten (musikalisch gesprochen). Wenn du nicht gleich zu Beginn des Schreibprozesses über die Form nachdenkst (die Arrangements der Teile eines Songs), passiert es schnell, dass du dich später in die Ecke gedrängt wiederfindest. Wenn du verschiedene Teile eines Songs geschrieben hast, es aber nicht zu schaffen scheinst, die einzelnen Teile geschlossen zusammenzubringen, passiert das gewöhnlich, weil du zu Beginn des Schreibprozesses zu wenig oder gar nicht über die Form nachgedacht hast. 

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