Die wichtigste Fertigkeit, die den meisten Gitarristen fehlt

von Tom Hess


Was ist nun die wichtigste Fertigkeit, die die meisten Gitarristen nicht haben? Einige würden behaupten, dass es vollständiges Wissen über Musiktheorie ist. Andere würden sagen, dass die wichtigste Fähigkeit Kreativität ist. Und natürlich gibt es ganze Legionen von Gitarristen, die glauben, dass eine untadelige Technik der Heilige Gral des Gitarrenspiels ist. Vielleicht stimmst du einer der oben genannten Behauptungen zu, oder du denkst vielleicht, dass es etwas anderes wie Songschreiben, mit anderen in einer Band spielen oder Ausdauer ist (lies dazu meinen letzten Artikel zur Ausdauer). 

All die oben erwähnten Fertigkeiten sind entscheidend für die Entwicklung jedes Spielers, der wirklich ein exzellenter Gitarrist und Musiker werden will. Aber die wichtigste Fertigkeit, die die meisten Gitarristen nicht haben und nicht wissen, wie sie sie üben sollen, ist Gehörbildung! Es geht hier um Musik, richtig? Wie erleben die meisten von uns das Musizieren? Indem wir Musik hören! Weshalb also haben die meisten Gitarristen eine schlechte Gehörbildung (ein ungeübtes Ohr)? Nicht-klassische Gitarristen haben traditionell nach Gehör gespielt, aber überraschenderweise sind die Ohren dieser Spieler immer noch nicht so gut, wie sie sein könnten und sollten.  

Ich verwende mich selbst als klassisches Beispiel für einen Gitarristen, dem eine gute Gehörbildung ernsthaft gefehlt hat. Bevor ich mit meinem formellen Musiktraining am College begann, dachte ich, mein Gehör wäre ziemlich gut. Ich konnte Songs gewöhnlich schnell durchs Gehör lernen und meine Improvisationsfähigkeiten waren okay für diese Zeit. Aber immer, wenn ich ein Gitarrensolo für einen Song komponieren oder meine eigenen Songs schreiben wollte, begannen die Probleme. Es fühlte sich immer so an, als ob ich die Musik, die ich in meinem Kopf hörte, nicht in das umsetzen konnte, was ich spielte. Ich hatte gewöhnlich eine gute Technik und mein musiktheoretisches Wissen war nicht schlecht, aber meine Kreativität litt immens. Alles, was ich improvisierte oder schrieb, kam aus meinen Händen und meinem Wissen über Akkorde, Tonleitern, usw. Ich wollte mehr tun. Ich wollte einzigartiger, kreativer sein und noch wichtiger, ich wollte mehr Selbstausdruck. Mir war bewusst, dass es ein Problem gab, aber ich kannte die spezifische Wurzel dieses Problems nicht. Ich nahm an, dass ich einfach keine sehr kreative Person war und dass mein (vermuteter) Mangel an Kreativität permanent war und nicht in meiner Kontrolle lag. Ich glaubte, dass ich einfach von Natur aus nicht kreativ begabt war (ich beziehe mich auf meinen Artikel zur Ausdauer).  

Im Herbst 1994 schrieb ich mich am Harper College für Musik als Hauptfach-Student ein. Zusätzlich zu vielen anderen Erfordernissen müssen alle Studenten 2 komplette Jahre an Gehörbildungs-Kursen absolvieren. Nicht lange nachdem ich meinen ersten Gehörbildungskurs besucht hatte, bemerkte ich, wie sehr mein Gehör zusätzliches Training brauchte. Glücklicherweise hatte ich einen sehr ermutigenden Trainer, der wusste, dass Gitarristen öfters Probleme mit ihrer Gehörbildung hatten. Nach dem ersten Semester (1/2 Jahr) stellte ich fest, dass meine Kreativitätsprobleme nicht an einem Mangel an Kreativität lagen. Sie waren durch den Fakt verursacht, dass mein Gehör nicht entwickelt genug war, um mein kreatives Potential freizusetzen! Diese Erkenntnis war einer der großartigsten Momente in meinem musikalischen Leben. Ich fühlte mich befreit, wissend, dass ich wirklich kreative Talente besaß. Danach war alles, was ich tun musste, mein Gehör weiter zu trainieren, sodass meine kreativen Ideen sich in meiner Musik manifestieren konnten.  

Es gibt viele Wege, wie man seine Gehörbildung verbessern kann. Ich habe viele davon unten aufgelistet. Die Idee hier ist nicht, nur eine dieser Ideen auf der Liste auszuwählen und Wunder zu erwarten. Tu so viele Dinge wie möglich, so oft wie du kannst.  

Übungsaktivitäten: 

  1. Transkribieren (durch Gehör erkennen) von Songs, Akkorden, Melodien, Solos, usw. mit Hilfe der Gitarre.
     
  2. Transkribieren ohne Instrument (schreibe die Musik auf ein Blatt Papier und wenn du denkst, sie so genau wie möglich zu haben, kontrolliere deine Arbeit mit Hilfe der Gitarre. Schaue, welche Fehler du machst und versuche, Muster in deinen Fehlern zu entdecken. Wenn du zum Beispiel erkennst, dass du immer denkst, dass Moll-Akkorde wie Dur-Akkorde klingen, dann weißt du, dass dies etwas ist, worauf du dich in deiner Übungszeit konzentrieren musst. 
     
  3. Singe (ja, singe laut) Tonleitern. Beginne mit der Durtonleiter, füge später die natürliche Molltonleiter hinzu, die harmonische Molltonleiter, die pentatonische Tonleiter, die Blues-Tonleiter, usw. 
     
  4. Singe Intervalle (zwei Noten in sich verändernden Distanzen).
     
  5. Singe Arpeggios (Akkorde – jeder Ton einzeln, nacheinander), beginne mit Dur-Dreiklängen und gehe dann über zu Moll-Dreiklängen.
     
  6. Singe vom Blatt (um dies zu tun, brauchst du auch ein Basis-Verständnis im Notenlesen). Du kannst dafür jede Art von Noten verwenden. Es gibt spezielle Bücher, die du kaufen kannst, wenn du willst. 
     
  7. Transkribiere Rhythmen. Das ist so wie das Transkribieren einer Melodie, der Fokus hierbei liegt jedoch darauf, lediglich den Rhythmus aufzuschreiben. 
     
  8. Improvisiere zu Akkorden Melodien, Solos, usw.. Das ist sowieso eine großartige Sache. 
     
  9. Stell dir eine 3 oder 4 Noten lange Melodie im Kopf vor und versuche dann, sie auf der Gitarre zu spielen. 
     
  10. Nimm dich selbst dabei auf, wie du verschiedene Akkorde spielst (im Moment nur Dur- und Moll-Dreiklänge). Versuche, gleiche Akkorde nur wenig zu wiederholen. Spule deine Aufnahme zurück und versuche dann zu identifizieren, ob die Akkorde, die du hörst, in Dur oder Moll sind. 
     
  11. Für die von euch, die in den Vereinigten Staaten leben: euer örtliches College oder eine Universität, die eine Musikabteilung hat, bieten gewöhnlich Basis-Gehörbildungs-Kurse an. Örtliche Colleges verlangen für diesen Kurs meist eine kleine Gebühr. Ich weiß nicht, wie das in anderen Teilen der Welt funktioniert, Nicht-US-Bürger sollten sich also an ihren lokalen Musikschulen darüber informieren. 
     
  12. Es gibt Gehörbildungs-Software-Programme, die man im Internet finden kann. Das, welches ich im College benutzte, hieß „Practica Musica“ von Ars Nova. (Notiz: Das ist keine Werbung für „Practica Musica“ von Ars Nova, ich teile euch lediglich mit, dass diese und andere Gehörbildungs-Softwares existieren und eine wertvolle Quelle sein können.)
     
  13. Für die von euch, die vielleicht keinen Gehörbildungskurs belegen können, empfehle ich wärmstens, sich einen privaten Musiklehrer zu suchen. Das Gute an einem Privatlehrer ist, dass der Lehrer kein Gitarrenlehrer sein muss. Jeder kompetente Musiklehrer (egal welches Instrument er spielt) kann dir Gehörbildung beibringen. Wichtig ist nur, einen kompetenten Lehrer zu finden, denn es gibt eine Menge inkompetente da draußen. Lies zur Hilfe, um einen guten zu finden und die schlechten zu umgehen, meinen vorangehenden Artikel „Die Auswahl eines Lehrers“. 

Gehörbildung ist für jeden Musiker in seiner Entwicklung zu demselben wichtig. Denke daran, nicht aufzugeben und geduldig mit dir selbst zu sein, wenn sich dein Gehör entwickelt. Erwarte Fortschritte wie in deinem technischen Gitarrenspiel, täglich langsam, aber sicher fortschreitend. Dein Gehör braucht konstante Übung, so wie auch deine Hände , vernachlässige also nicht das entscheidendste Werkzeug, das du hast – deine Ohren.


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