So entwickelst du deinen eigenen Stil – Teil 1
(Ja...es geht um DICH!)

von Tom Hess


„Wie kann ich meinen eigenen Stil....meinen eigenen Sound entwickeln?“ Dies ist die zweithäufigste Frage, die mir gestellt wird („Wie werde ich ein großartiger Gitarrist?“ ist die häufigste). Stark verallgemeinert konzentrieren sich Leute in den USA mehr auf Originalität, in Europa dagegen mehr auf Beherrschung. 

Unter Musikern und speziell Gitarristen ist das übliche Herangehen, um „originell“ zu sein, oft lähmend, belastend und unnatürlich. Deshalb scheinen manche Leute nur zu kämpfen und werden frustriert. Dies geschieht, weil der typische Ansatz, „originell“ zu sein, in direktem Konflikt mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes „originell“ steht. Denke darüber nach, der ganze Prozess, originell zu sein (und deinen eigenen Stil zu haben) sollte natürlich, ermächtigend und befreiend sein.  

Ich ermutige dich dringendst, vor dem Weiterlesen erst einmal diesen Artikel zu lesen: Originalität (wann und wie).

Okay, wenn du also den obigen Link angeklickt und den Artikel gelesen hast, wird dir das folgende viel klarer werden.  

Gegen den Strom schwimmen

Wenn du versuchst, deinen eigenen Stil zu entwickeln, indem du auf dein Instrument schaust, schwimmst du gegen den Strom und folglich erscheint es dir schwierig, originell zu sein, weil alle typischen Dinge auf der Gitarre bereits von anderen gemacht wurden. In diesem Fall würdest du dort nach Innovationen suchen, wo es sie nicht mehr im Überfluss gibt. Versteh mich bitte nicht falsch, ich sage nicht, dass du äußerliche Einflüsse vermeiden solltest, im Gegenteil, in der Regel halte ich äußere Einflüsse für eine sehr gute Sache. Einigen mag es widersprüchlich erscheinen, was ich gerade gesagt habe, aber das ist es nicht.  

Der befreiende und erfolgreichere Weg ist es, in dir selbst anzufangen, bevor du auch nur irgendetwas unternimmst. Ich glaube, dass dies ein grundlegendes Prinzip ist, dass dich immer zu echter Originalität führt. Diejenigen, die sagen, dass du dich nicht von anderen Musikern inspirieren lassen oder sie anhören solltest, sehen nicht das ganze Bild. Sie sind schon auf dem rechten Weg, allerdings bleiben sie zu lange auf diesem. Lass’ es mich erklären... 

Es dreht sich alles um dich

Konzentriere dich zu Beginn deiner musikalischen Selbstfindungsreise auf die nichtmusikalischen Teile deiner selbst. Bevor du weiterliest, hol dir bitte einen Stift und ein oder zwei Blatt Papier. (Ja, tu dies bitte jetzt, du wirst froh darüber sein). Okay, schreibe nun die Antworten auf die folgenden Fragen so detailgenau wie möglich auf. Einige dieser Fragen sollten dich wirklich zum Denken anregen.  

  1. Wer bist du als Person?
  2. Welche Gedanken bestimmen die meiste Zeit dein Denken?
  3. Was für Emotionen stecken in dir, die du künstlerisch ausdrücken willst?
  4. Welche Leute haben dich beeinflusst und wie bist du damit umgegangen? Wie beeinflusst dich das bis heute?
  5. Welche Ereignisse haben dich auf tiefe Art und Weise beeinflusst? Wie könnten sie dazu beigetragen haben, deine Persönlichkeit zu schmieden, als du jünger warst (vor allem in deinen entscheidenden Teenager-Jahren)? Wie beeinflussen diese Dinge deine jetzige Persönlichkeit?
  6. Warum willst du diese Teile deiner Persönlichkeit ausdrücken?
  7. Willst du eine Verbindung mit den Hörern deiner Musik herstellen oder willst du nur deinetwegen Musik machen?
  8. Soll dein Selbstausdruck vage oder offensichtlich für andere, die deine Musik hören, sein?
  9. Ist es dein vorrangiges Ziel, Hörer zu unterhalten oder ihnen dich selbst mitzuteilen?
  10. Falls du es erfolgreich schaffst, dich selbst auf originelle Art und Weise auszudrücken, und es niemandem gefällt, wirst du es dann trotzdem noch mögen? 

Wenn du nur nach innen geschaut hast und du dir klar über die 10 Punkte bist, dann hast du bereits 90% des Weges zu deinem eigenen Stil geschafft. Die Antworten auf diese Fragen sind die wesentlichen Ursprünge von Ausdruck. Auch wenn du nicht dein Inneres ausdrücken und lieber andere Dinge mitteilen willst, die wenig oder gar nichts mit dir zu tun haben, wird die wesentliche Quelle deines eigenen Stils und Ausdrucks immer aus dem Inneren kommen. 

Originell zu sein, heißt, „zu sein, wer du wirklich bist“. Es heißt nicht, dass du anders als alle anderen sein musst. Wahrscheinlich gibt es bei keinem von uns etwas, das wirklich originell ist. Es gibt keinen Gedanken, den nicht schon irgendeine andere Person auf der Welt in den letzten 50,000 Jahren schon einmal gehabt hätte. Es gibt kein Gefühl, das du haben kannst, das nicht irgendjemand irgendwo schon einmal gefühlt hat. Jede Seite von uns als Leuten ist bereits Millionen (oder Milliarden) Male vervielfältigt. Dennoch SIND wir alle einzigartig und verschieden. Wir sind verschieden, weil niemand in der Geschichte der Menschheit genau die gleichen Kombinationen von Gedanken, Gefühlen und Charakteristika hat. Was ich sagen will, ist, dass du bereits originell, einzigartig und anders bist. Du musst also nichts an dir ändern, um deinen eigenen Stil zu bekommen. Wenn du entdeckst (fällt dir auf, dass ich bewusst NICHT das Wort entwickeln benutze!?), wer du wirklich bist, was du bist, was du als Person sein willst und dir darüber absolut im Klaren bist, dann bist du bereit, anzufangen. Du wirst nun deinen eigenen Stil entwickeln, weil du dein wahres Ich entdeckt hast. Die ganze musikalische Entwicklung wird dann einfacher sein, weil du auf eine natürliche Art und Weise arbeitest....mit dem Strom, nicht gegen ihn... 

Was nun

Nachdem du dich auf die mentale Seite von Originalität konzentriert hast und dir im Klaren darüber bist, worauf dein Stil, Sound und Ausdruck aufbauen, musst du dir mehr musikalisches Wissen, Fertigkeiten und Eifer aneignen.  

Wissen und Fertigkeiten 

Zu verstehen, wie Musik funktioniert (Musiktheorie), ist wichtig. Ja, nicht jeder Spieler mit einem originellen Stil hat formale Musiktheorie studiert, aber es wäre ein Fehler, anzunehmen, dass diese Leute total ahnungslos darüber waren, wie Musik funktioniert (zumindest für das, was sie zu tun versuchten). Sogar ein Mann wie Kurt Cobain verstand zumindest, wie bestimmte Akkorde und Töne, die er benutzte, zusammen funktionieren würden. Ja, es wurde bei den Nirvana-Songs viel experimentiert und improvisiert, aber viel zu oft sind Leute (sogar einige Nirvana-Fans) falsch informiert, wenn sie denken, dass Kurts sämtliche Songs komplett zufällig entstanden wären. Ein bestimmtes Level an musikalischem Verständnis war in seinem Kopf.  

Der schnellste und effektivste Weg, Musiktheorie zu lernen, ist es, Theoriestunden zu besuchen oder mit einem Lehrer zu arbeiten. GROßE Vorsicht ist dabei geboten, Musiktheorie übers Internet zu lernen, dort gibt es EINE MENGE falscher Informationen über Theorie! 

Gehörbildung. Du MUSST dein Gehör beherrschen (Gehörbildung haben)! Wie kannst du effektiv im Schaffen von Musik sein, wenn du nicht schon vorher weißt, wie die ganzen Töne auf der Gitarre klingen? Mehr Informationen zu diesem Thema in meinem Artikel „Gehörbildung“. Wenn du weißt, wie Musik funktioniert (Musiktheorie) und du sie bereits im Voraus klingen hören kannst (Gehörbildung), wird es viel einfacher sein, deinen eigenen Stil zu entwickeln. Dies ist so, weil du, wenn du etwas hörst, was dir gefällt, sofort verstehst, was es ist, weshalb es gut klingt, wie es funktioniert und vor allem wie du es auf DEINE ART UND WEISE nutzen kannst! Wenn du zum Beispiel einen total coolen, melancholischen und dissonanten Ton über einem E-Moll-Akkord hörst und du erkennst, dass dieser Ton ein Fis ist, wenn du verstehst, dass Fis die 9 über dem E-Moll-Akkord ist, und wenn du diesen 9er Sound hören kannst, wirst du ihn jedes Mal erkennen, wenn du eine 9 über jedem beliebigen Moll-9 Akkord in jeder beliebigen Tonart hörst. Du wirst also fähig sein, den „sehr coolen, melancholischen-dissonanten“ Ton wieder abzurufen, wenn du ihn in deinem eigenen Spiel, deiner Improvisation oder deinem Songschreiben benutzen willst.  

Achte darauf, wie die Akkorde funktionieren, wie sie zusammenspielen, wie die Akkorde die Funktion der Melodien bestimmen. (Das ist alles Musiktheorie). Selbst wenn dein vorrangiges Ziel ist, dein Solo-Spiel zu verbessern, ist die Funktion der Akkorde entscheidend. Bevor du an Lead-Gitarren-Ideen denkst, musst du wissen, worüber du dein Solo spielst. Das ist so wichtig, weil Harmonie (Akkorde) die wesentliche emotionale Qualität der melodischen Töne bestimmen.  

Versuche dies. Nimm deine Gitarre und spiele deine hohe E-Saite offen. Hör, wie es klingt, wie fühlt sich dieser Ton generell an? Er klingt ziemlich neutral, stimmt’s? Das ist deshalb so, weil das E als Ton in keinem bestimmten Kontext steht (es sind vor oder nach ihm keine anderen Töne gespielt worden). Spiele nun einen offenen E-Akkord (mit offener hoher E-Saite). Höre, wie das E nun klingt. Spiele einen offenen C-Akkord (wiederum mit offener hoher E-Saite), nun hörst du das E auf eine andere Art und Weise. Da der Akkord von E-Dur auf C-Dur gewechselt ist, haben sich die Funktion, der Klang und die emotionale Qualität des E verändert. Dies ist ein weiteres kleines Beispiel dafür, wie wichtig Theorie und Gehörbildung zusammen sind. Über die Dinge Bescheid zu wissen und sie zu hören, wird deine Fähigkeiten vergrößern, deinen eigenen Sound zu erlangen. Ja, einige andere Leute kennen und nutzen diese Informationen bereits die ganze Zeit auf einer bestimmten Ebene. Es ist jedoch die Art und Weise, sie zu benutzen, um sie deiner eigenen Persönlichkeit anzupassen, die deinen eigenen Stil hervorbringt (mehr dazu später). 

Zusätzlich zum theoretischen Wissen und deiner Gehörbildung sind auch Griffbrett-Wissen, Technik und Analyse sehr wichtige Fähigkeiten.  

Anwendung, Anwendung, Anwendung 

Anfänger und die meisten mittelmäßigen Spieler haben noch keinen eigenen Stil entwickelt, weil sie nicht genug Wissen und Fertigkeiten haben, das ist so zu erwarten– deshalb haben sie noch kein fortgeschrittenes Level erreicht. Bei vielen, die diese fortgeschrittenen Level bereits erreicht haben, kommt der eigene Stil oft zu kurz. 

Um als Spieler auf diesen fortgeschrittenen Ebenen zu sein (so wie sie von den meisten definiert werden), haben diese Gitarristen bereits ein gutes Gehör, wissen, wie Musik allgemein funktioniert, sie kennen das Griffbrett in- und auswendig und sie haben eine gute Technik. Oberflächlich betrachtet scheint es, dass diese Gitarristen befähigt sein sollten, ihren eigenen Sound zu haben. Wir wissen alle, dass nicht jeder fortgeschrittene Gitarrist einen wirklich eigenen Stil hat. Ja, einige dieser Leute sind gar nicht daran interessiert, einzigartig oder originell zu sein (und das ist total okay so), aber für diejenigen, die einen eigenen Stil WOLLEN, gibt es zwei Gründe: 

Der erste wurde bereits im obigen Abschnitt „Es dreht sich alles um dich“ genannt. 

Der zweite Grund ist ein großer Mangel bei der Fähigkeit, Gelerntes anzuwenden. Die alte Redensart: „Wissen ist Macht“, ist das komplett falsch. Die Wahrheit ist: „Was du mit dem TUST, was du weißt, ist Macht.“ Wissen ist nur potentielle Macht, es ist ein Kräfteverstärker, aber nicht die Macht selbst. Was du mit dem tust, was du weißt wird Anwendung genannt und: 

Anwendung ist die Brücke zwischen dem, WAS DU WEISST und den ERGEBNISSEN, DIE WISSEN DIR BRINGEN KANN!

Phrasierung, Improvisation und Songschreiben sind die wichtigsten Anwendungsfähigkeiten in der Musik. Bei vielen kommen diese Gebiete zu kurz, weil sie glauben, dass es ihre primäre Aufgabe ist, erst einmal zu lernen und dann verbringen sie Jahre mit dem Üben auf der Gitarre. Mit meinen Schülern arbeite ich gewöhnlich von Anfang an an ihren Anwendungsfähigkeiten, egal, auf welchem Level sie sich gerade befinden. Es ist ein Fehler, die Anwendungsfähigkeiten auszuschalten, solange man nicht gelernt hat, gut zu spielen. Improvisation, Songschreiben und Phrasierung müssen genauso gelernt und geübt werden wie Akkorde, Tonleitern, Musiktheorie und alles andere. Schaffe Raum in deinem Übungsplan, ungeachtet deinem aktuellen Können als Musiker. Wenn diese Dinge komplett neu für dich sind, suche dir einen guten Lehrer und arbeite mit ihm.

Gratulation! Du hast den ganzen Weg durch diesen langen Artikel geschafft! Der nächste Schritt, den du jetzt gleich machen kannst, ist es, nun die folgenden ergänzenden Artikel zu lesen:

So Entwickelst du Deinen Eigenen Stil – Teil 2 (Immer Einfach .... Nicht Immer Leicht)
Kreativität und Ausdruck – Teil 1
Kreativität und Ausdruck – Teil 2
Originalität (wann und wie)


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